Texte von Seneca 
Die Haltung Senecas gegenüber dem Schicksal 
Latein
Nihil miremur eorum, ad quae nati sumus, quae ideo nulli querenda, quia paria sunt omnibus. Ita dico: paria sunt. Nam etiam quod effugit, aliquis pati potuit. Aequum autem ius est, non quo omnes usi sunt, sed quod omnibus latum est. Imperetur aequitas animo, et sine querella mortalitatis tributa pendamus.Hiems frigora adducit: algendum est. Aestas calores refert: aestuandum est. Intemperies caeli valetudinem temptat: aegrotandum est. Et fera nobis aliquo loco occurret et homo perniciosior feris omnibus. Aliud aqua, aliud ignis eripiet. Hanc rerum condicionem mutare non possumus. Illud possumus: magnum sumere animum et viro bono dignum, quo fortiter fortuita patiamur et naturae consentiamus.
Natura autem hoc, quod vides, regnum mutationibus temperat: nubilo serena succedunt; turbantur maria, cum quieverunt; flant in vicem venti; noctem dies sequitur; pars caeli consurgit, pars mergitur: contrariis rerum aeternitas constat. Ad hanc legem animus noster aptandus est, hanc sequatur, huic pareat; et quaecumque fiunt, debuisse fieri putet nec velit obiurgare naturam. Optimum est pati, quod emendare non possis, et deum, quo auctore cuncta proveniunt, sine murmuratione comitari. Malus miles est, qui imperatorem gemens sequitur. Quare impigri atque alacres excipiamus imperia nec deseramus hunc operis pulcherrimi cursum, cui, quidquid patiemur, intextum est.
Et sic adloquamur Iovem, cuius gubernaculo moles ista derigitur, quemadmodum Cleanthes *) noster versibus disertissimis adloquitur:
"Duc, o parens celsique dominator poli, quocumque placuit. Nulla parendi mora est. Adsum impiger. Fac nolle: comitabor gemens malusque patiar facere, quod licuit bono. Ducunt volentem fata, nolentem trahunt."
Sic vivamus, sic loquamur. Paratos nos inveniat atque impigros fatum. Hic est magnus animus, qui se ei tradidit.
*) griechischer Stoiker
Deutsch
Wir wollen uns nicht über die Dinge wundern, zu denen wir geboren sind und über die sich deswegen keiner beklagen darf, weil sie für alle gleich sind. Ich sage: sie sind gleich. Denn auch das Unglück, dem einer entgangen ist, hätte er erleiden können. Gleiches Recht aber ist nicht, was alle erfahren, sondern was allen bestimmt ist. Gleichmut sei der Seele befohlen, und ohne Klagen wollen wir den Tribut der Sterblichkeit zahlen.Der Winter bringt Kälte: man muß frieren. Der Sommer bringt die Hitze zurück: man muß schwitzen. Die Unbeständigkeit der Witterung setzt der Gesundheit zu: zwangsläufig wird man krank. Auch wird uns irgendwo ein wildes Tier begegnen und ein Mensch, gefährlicher als alle wilden Tiere. Etwas wird uns das Wasser, etwas anderes Feuer rauben. Diese Bedingung des Lebens können wir nicht ändern. Das aber können wir: Seelenstärke erringen, die eines guten Mannes würdig ist, mit der wir tapfer unser Schicksal ertragen und in Übereinstimmung mit der Natur leben.
Die Natur aber mäßigt diese Zwangsherrschaft, die du siehst, durch vielerlei Wechsel: Auf Nebel folgt heiterer Himmel; aufgewühlt werden die Meere, eben waren sie noch ruhig; es wehen im Wechsel die Winde; auf die Nacht folgt der Tag; ein Teil des Sternenhimmels steigt auf, ein Teil geht unter: In den Gegensätzen der Dinge besteht die Ewigkeit. Auf dieses Gesetz muß sich unsere Seele einstellen, ihm soll sie folgen, ihm soll sie gehorchen; und was immer geschieht, sie soll glauben, daß es geschehen mußte, und soll die Natur nicht beschuldigen. Am besten ist es zu ertragen, was du nicht bessern kannst, und dem Gott, auf dessen Veranlassung alles geschieht, ohne Murren sich anzuschließen. Ein schlechter Soldat ist, wer seinem Feldherren unter Stöhnen folgt. Daher wollen wir unverdrossen und freudig die Befehle annehmen und diese Bahn des wunderbaren Werkes nicht verlassen, in das alles eingewoben ist, was uns widerfährt.
Und so wollen wir Jupiter ansprechen, durch dessen Steuer das riesige Weltall gelenkt wird, wie unser Kleanthes ihn mit wohlgesetzten Versen anspricht:
"Führe, o Vater und Herrscher des hohen Himmels, wohin auch immer du willst. Ich zögere nicht zu gehorchen. Ich bin bereit, unverdrossen. Gesetzt, ich wollte nicht: Ich werde unter Stöhnen folgen und als schlechter Mensch unter Leiden tun, was ich als guter Mensch freiwillig tun könnte. Es führt das Schicksal den, der will; den, der nicht will, schleppt es fort."
So wollen wir leben, so wollen wir sprechen. Bereit und unverdrossen soll uns das Schicksal vorfinden. Groß ist der Mensch, der sich ihm anvertraut.

